Die Markenberatung für Unternehmen und Organisationen, die einen gesellschaftlichen Unterschied machen wollen.

Guter Impuls

Gesellschaft gestalten – (was) kann die Politik vom Design lernen?

Haltung / Design

Der Autor

»Die Politik braucht mehr Designer, mehr Entwerfer!«, forderte der Designtheoretiker Friedrich von Borries bereits 2014. Was im ersten Moment nach »mehr Farbe im Bundestag« oder »einem neuen Haarschnitt für die nächste Talkshow« klingen mag, meint genau das Gegenteil: keine Kosmetik, sondern Methodik. Design nicht als aufgehübschte Schlussfolie einer PowerPoint, sondern als Startpunkt eines interdisziplinären Prozesses zur Gestaltung gesellschaftlicher Lösungen. Ein kleines Gedankenspiel: was kann die Politik möglicherweise tatsächlich vom Design lernen?

Sowohl Politiker:innen als auch Designer:innen gestalten aktiv Wirklichkeit, statt diese nur zu beschreiben. Sie gestalten Rahmenbedingungen, in denen wir leben, lieben, arbeiten und scheitern. Design macht das im Kleinen, Politik im Großen. Beide versprechen: Es könnte besser werden. Und beide haben Einfluss auf die Gesellschaft – im Idealfall einen positiven. Ein möglicher Unterschied: Politiker:innen müssen oft so tun, als wüssten sie alles – Korrekturen werden schnell als Schwäche ausgelegt. Dagegen lernen Designer:innen in ihrer Ausbildung, gezielt iterativ zu denken und Lernprozesse als Teil ihrer Arbeit zu begreifen.

Designkompetenz ist mehr als Sinn für Typografie oder Material. Bewusst oder unbewusst nutzen und verfestigen Gestalter:innen in ihren Prozessen Fähigkeiten, wie zum Beispiel ganzheitliches Denken (das Sehen des Großen Ganzen in den Einzelteilen) und den produktiven Umgang mit Ungewissheit (testen, lernen, anpassen). Dies erkannten unlängst auch Unternehmen, die versuchen, diese Denkweise als »Design Thinking«-Methode zu adaptieren oder als »Service Design« auf Prozesse anzuwenden.

Politiker:innen laufen schnell Gefahr, dass ihre Ideen als »weltfremd« oder »naiv« abgetan werden. »Bleiben Sie doch bitte realistisch!« ist dann die freundlichere Form von: »Denken Sie doch bitte nicht zu weit!«. Wie im Gegensatz dazu steht IDEOs Brainstorming-Regel »Encourage wild ideas!«. Denn Design beginnt genau bei der Divergenz. Erst werden viele rohe Ideen und »What-if-Szenarien« entwickelt – ganz bewusst ohne zu frühe Zensur. Später erst wird verdichtet, bewertet, entschieden. Diese Haltung an der richtigen Stelle bewusst auf politische Prozesse zu übertragen, könnte Suchräume öffnen und dadurch Optionen jenseits festgefahrener Denkmuster aufzeigen.

Während Politik im Tagesgeschäft oft nur an Stellschrauben justiert, ist Design dafür prädestiniert, größere Visionen möglicher Zielbilder zu skizzieren und diese dadurch erleb- und diskutierbar zu machen. Und es kann dadurch auch Lust auf diese Zukunft erzeugen.

Politische Diskussionen gleichen mitunter ritualisierten Schaukämpfen. Wer zuhört, verliert Zeit. Wer nachfragt, gibt dem Gegner Raum. Man hält sich an seine Sprechzettel, immer mit dem Ziel, seine »Botschaft zu setzen«. Das Problem: So entsteht kein gemeinsamer Denkraum, sondern es werden nur die jeweils eigenen Positionen aufgewärmt. Und genau hier schlummert die Gefahr, dass irgendwann nur noch gewinnt, wer am lautesten vereinfacht. Designkultur setzt dagegen auf ko-kreative Dialoge: Perspektiven sind Bereicherung und Rohstoff, nicht Bedrohung. Natürlich gelten in der Politik andere Machtlogiken als im Workshop. Aber möglicherweise können genau deshalb neutral moderierte, dialogische Settings wertvoll sein: Nicht um Harmonie zu stiften, sondern um durch Synthese echt neue Erkenntnisse zu schaffen.

Otto Neurath nannte sich einst »Gesellschaftstechniker« und verfolgte demokratische Ziele, indem er durch visuelle Darstellungen komplexe Zusammenhänge verständlich machte. Das war Kommunikationsdesign, bevor man es so nannte.

In Zeiten KI-generierter Fake News und algorithmisch verstärkte Empörungswellen ist sorgfältige Vermittlung keine Kür, sondern zentrale Aufgabe der Politik. Klug gestaltete Kommunikation politischer Entscheidungen kann dazu beitragen, dem Populismus und reißerischen Boulevardblättern das Wasser abzugraben, wenn es darum geht, Ängste und Unsicherheiten zu schüren.

Natürlich sind Designer:innen nicht per se gute oder gar bessere Politiker:innen. Aber Design ist längst mehr als Formgebung: Es ist eine sich dynamisch verändernde Disziplin mit eigenen Prozessen, Denkmustern und Methoden. Die Frage, wie diese auch politische Prozesse bereichern können, ist daher naheliegender, als möglicherweise zunächst vermutet.

Man darf gespannt sein, ob und wann eine Bundesregierung auch Design-Teams im politischen Beraterstab haben wird. Als konstruktive Irritatoren, die es gewohnt sind, in Szenarien zu denken und diese lebendig zu vermitteln.

Einige der Gedanken gehen zurück auf meine Master-Thesis von 2013 – gefühlt noch einer anderen politischen Zeit. Wer möchte, kann hier die komplette Arbeit als PDF lesen.