Botenstoff 01: Vom neuen Wert sinnstiftender Unternehmensführung

Je mehr heute die Digitalisierung voranschreitet, wird die Frage neu aufgeworfen, was uns als Menschen ausmacht – damit auch unsere Unternehmen, unsere Mitarbeitenden und uns als Unternehmer. Eine Reise zum Sinn und zur Würde des Menschen.

Botenstoff-Magazin Ausgabe 01

Ich denke also.

Ist es nicht umso erstaunlicher, dass wir gerade in unternehmerischen Zusammenhängen ganz neu beginnen, den Sinn im eigenen Tun zu suchen und diese Frage für wichtig erachten? Gehört dieses Phänomen zu einem dieser Themen-Hypes, die uns wieder einmal für eine Weile glauben lassen, endlich den fehlenden Stein der Management-Weisen gefunden zu haben? 

Mit der wieder aufkommenden Sinnfrage kündigt sich vielmehr das Ende eines mechanistischen Weltbildes an, das nicht zuletzt durch den Philosophen René Descartes (1596 –1650) die Menschheit in eine neue Richtung bewegt hat, die wir Fortschritt genannt haben. Der unumstößliche Glaube an die Berechenbarkeit der Welt, seine mechanisch wissenschaftlichen Beweisführungen haben die Ingenieure und Kopfmenschen auf den Plan gerufen und uns glauben lassen, in der reinen Konstruktion und wissenschaftlichen Erklärbarkeit der Welt unser Leben besser beherrschen zu können. Dem rein rationalen Denken den Vorrang einzuräumen, sollte den Vorteil haben, nichts mehr dem Zufall oder widrigen, unerklärlichen Umständen zu überlassen. Es schien auf jeden Fall nicht sehr vernünftig oder lohnend, sich damit zu befassen.

„Je mehr die Digitalisierung in unser Leben Einzug hält, umso mehr wird die Frage nach dem Sinn aufgeworfen, wer ich als Mensch bin und was mich ausmacht.“

Manuel Grassler, Haufe umantis

Wer bin ich als Mensch?

Sinn wird als Thema auch deshalb neu bedeutsam, weil wir mit dem Ende des prägenden Maschinenzeitalters nun vor der Frage stehen, wer wir als Menschen sind, sein wollen, wie wir leben wollen und was wir mit unserer Lebenszeit anzufangen gedenken. Wir benötigen also eine neue Bewegung weg von der Logik, hin zu einem ganzheitlichen Menschsein. Und diese Notwendigkeit scheint durch die zunehmenden Fähigkeiten eines Computers noch dring­licher? Die Digitalisierung wird das denkende Original Mensch in der Leistung überflügeln und damit die Aussage von Descartes noch einmal in einem neuen Licht erscheinen lassen: „Ich denke, also bin ich“, könnten alsbald die Großrechner oder Consumer Devices sich selbst attestieren, die von uns die Ansage bekommen, dieses oder jenes zu erledigen. 

Darüber hinaus sorgt der demografische Wandel für eine Zunahme an Sinnbedeutsamkeit. Denn durch die Knappheit an Fachkräften stellt sich eine ganz neue Frage unter uns Erdenbürgern: Wofür will ich meine knappe Lebenszeit eigentlich einsetzen? Die Auswahl an Arbeitsoptionen wird immer größer und die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit wird zu einer neuen, unerwarteten Entscheidungsoption – eine neue Qualität bei der Auswahl an Aufgabenfeldern für ein erfülltes Leben entsteht. Unternehmen, die keinen relevanten, erkennbaren Sinn stiften können, werden zukünftig vielleicht noch durch exorbitant hohe Gehälter diese brennende Frage und den Durst nach Sinn in den Herzen ihrer Mitarbeitenden löschen können. 

Aber seien wir auch auf der Hut. Unternehmen können keine letzte Antwort auf den höheren Sinn des Lebens geben. Dann wären sie Sekten – und viele der im Moment gehypten Brands, deren neue Führungskulturen und agile Arbeitsweise das Mittelmaß der „alten“ Unternehmen zu überstrahlen scheinen, erinnern daran. Sie bieten zwar ein beeindruckendes Maß an Selbstbestimmung und erstaunliche äußere Freiheit des Einzelnen für die Erfüllung seiner Auf­gaben, bei gleichzeitig sehr strengen inneren Regularien und Wertevorgaben. Diese werden mit rigider und konsequenter Ahndung bei Verstößen gegen die gewünschte Kultur sanktioniert. Gießen wir also nicht das Kind mit dem Bade aus.

Freiheit kostet manchmal sogar die Freiheit – die äußere oder die innere. 

Monetäres Auskommen! – Mehr Sinnangebot konnte man bei Arbeitsstellen in „alten“ industriellen Unternehmensformen kaum erwarten. Der Mensch war Teil eines mechanischen Prozesses und wurde selbst wie ein Maschinenteil verstanden. Zahlen und Prozesse bestimmten den Erfolg. Die persönliche Preisgabe äußerer Freiheit für die verhandelte ­An­wesenheits- und Leistungszeit war der Deal.

Wenn die alternative Antwort die Preisgabe der inneren Freiheit in sinnbewegten Unternehmen zur Realisierung äußerer Freiheiten bedeuten würde, dann käme die moderne Gesellschaft nur vom Regen in die Traufe. Dann würde ein Sinnangebot zum reinen Bindungsinstrument für Mitarbeiter degene­rieren und keine echte und glaubwürdige Kraft für Teams, Kunden und die Marke erzeugen. Sinn ist kein „Bindungstool“ für ein zielführendes Employer Branding. 

Unternehmen benötigen unabhängig von jeder Strategie eine echt große Idee, wie sie durch ihre Leistung dem Leben und der sozialen Gemeinschaft einen wertvollen Dienst leisten wollen. Das kann Menschen und Gemeinschaften beflügeln. Es kann das Beste und Echteste im Menschen bewegen. Das ist es, was Menschen zutiefst begeistert und inspiriert – dass das eigene Leben in etwas Größerem aufgeht, anstatt seine Lebenszeit einem Unternehmen lediglich zu verkaufen. Sinnvolle Arbeit sollte ein Grundrecht in einer aufgeklärten und modernen Leistungsgesellschaft sein. Menschen profitieren davon. Marken profitieren davon. 

Wir helfen Unternehmen, diese Sinnfrage für sich zu stellen und nicht dabei stehen zu bleiben. Aus der Entdeckung des Sinns kann ein überproportionaler Wert für Unternehmer, Mitarbeitende und Kunden entstehen, und dies kann in der Marke und Kommunikation glaubwürdig zum Ausdruck kommen.

Interview Prof. Dr. Hüther

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